Filmkritik: Schnick Schnack Schnuck – Die Pornokomödie für Hipster

Das Pornfilmfestival Berlin startete dieses Jahr erstmals mit einer deutschen Produktion. Gezeigt wurde „Schnick Schnack Schnuck“  von Maike Brochaus, die bereits für ihren Erstling „Häppchenweise“ viel Aufmerksamkeit bekommen hat. Während dieses pornografische Filmexperiment zwischen „Catch your Dreams„ und „Big Brother“ eher dokumentarisch daher kam, setzt der neue Film auf ein Drehbuch. Und das tut gut.

Beim Dreh von Schnick Schnack Schnuck
Beim Dreh von Schnick Schnack Schnuck (C)  KalkPostPornProduction GbR

Die Handlung ist schnell erzählt: „Felix wollte eigentlich zum Festival nach Amsterdam, seine Freundin Emmi müsste eigentlich Klausuren korrigieren, sein bester Freund Kai legt sich sowieso ungerne fest und Emmis ehemalige Schulfreundin Magda hat es faustdick hinter den Ohren und so kommt am Ende doch alles anders als erwartet.“ Rund um diese Rahmenhandlung wechseln sich witzige Szenen und Dialoge mit expliziten Sexszenen ab. Die Frage, ob das ein Porno mit Handlung oder eine Komödie mit Sexszenen ist, beantworten die Filmschaffenden mit ihrer Einordnung des Films als „pornografische Komödie“.

Der Film wählt für das geringe Budget völlig adäquate Mittel und reizt in diesem Rahmen alles aus. Nie hat man deshalb den Eindruck, dass etwas Großes nicht gelungen ist, denn geschickterweise versucht der Film nie etwas Großes darzustellen. Die Schauspieler müssen also auch keine komplexen Figuren oder tiefen Dialoge spielen, sondern bleiben dicht an ihrer Person. Dadurch wirkt alles leicht, authentisch und sympathisch. Was eine der schwersten Übungen bei erotischen Filmen ist. Und es gelingt bei „Schnick Schnack Schnuck“ großartig.

Warum der Film funktioniert liegt auch an der Hipster-Attüde: Dialoge und Spielszenen wirken teils wie Parodien auf Sexfilme der 70er, die aber dann gekonnt in echte authentische Sexszenen übergehen. Die Settings sind die studentische WG, das Baden im Freien und der alternative Sexclub, in dem der Zuschauer dann eine erotische Gruppenszene erlebt – samt Gitarrenspieler. Natürlich wird hier Shortbus zitiert, auch wenn der Film es nie schafft, die Tiefe der Figuren auszuleuchten oder sie in ein kosmologisches Ganzes zu integrieren.

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Der Film sieht lecker aus, er präsentiert sich der Generation YouTube mit allen Finessen, die gerade aktuell sind. Für die Postproduction wurden via Crowdfunding über 10.000 EUR eingesammelt. Hier ein Bokeh, ein Lensflare (Lichteffekte), da etwas Instagram-Filter, mal eine lustige Zwischensequenz eingeschnitten, das alles etwas lakonisch von einem Erzähler kommentiert. Dazu Männer mit viel Haar im Gesicht und Digitaluhren am Arm, die aber auch mal während des Sex abgenommen werden. Das alles ruft „Retro Retro“ und auch die Musik mit ihren Chiptunes haut in die Kerbe. Alles sehr modisch, aber damit auch sehr vergänglich.

Die Kamera streift dann auch schon mal über eine welke Petersilien-Pflanze im Blumentopf, um das Setting zu illustrieren und zu ironisieren. Aber bei den recht langen erotischen Szenen ist die Kamera ganz nah dabei. Gezeigt werden authentische junge Menschen beim Sex. Mal Solo, mal als Paar, mal ein Dreier oder auch in der Gruppe. Das ist erstaunlich gut gefilmt und niemals peinlich, was an der unverkrampften und heiteren Drehatmosphäre gelegen haben muss, von der die Outtakes im Abspann berichten. Auch wenn die Kamera manchmal nicht mit dem Schärfeziehen hinterher kommt oder auch mal etwas Equipment ins Bild ragt, ist der Film alles in allem wirklich gut gemacht.

Insgesamt herrscht die ironische Distanz zu den Figuren im gesamten Film vor, es geht ums Zeigen und nicht um das Vermitteln. In einer Szene wird kurz über Beziehungsformen und Treue diskutiert und auch am Ende, als das Paar sich wieder findet deutet sich an, dass es ein klärendes Gespräch geben muss. Aber der Film steigt hier nicht tiefer ein, problematisiert nicht und versucht, das Thema Sex als unkompliziert zu präsentieren.

Bei allem Zweifel haben Maike Brochhaus und Sören Störung (toller Künstlername) hier einen Film geschaffen, der die aktuellen Werke anderer alternativer Pornoregisseure einfach mal links liegen lässt. Die beiden haben mit ihrem Film einfach und ganz selbstbewusst eine eigene Filmsprache für eine neue Generation geschaffen. Schnick Schnack Schnuck schafft es, zwei der schwierigsten Filmsujets, Erotik und Humor, elegant miteinander zu verbinden.

Der Eröffnungsfilm des Pornfilm-Festivals 2015 lief parallel in drei Sälen des Kreuzberger Kinos Moviemento und war komplett ausgebucht. Zu Recht.

Mittlerweile ist der Film auch auf DVD zu kaufen: https://www.youfeel.tv/Massage-Sex-Tantra/Schnick-Schnack-Schnuck::118.html

 

PS: Wir werden diesen Film sicherlich in unserem Salon Kino zeigen aber erst einmal müssen Maike und ihre Crew durch die verschiedenen Festivals touren, bevor der Film offiziell erscheint.