Buchrezension: Treue ist auch keine Lösung

Ich finde dieses Buch klasse. Anfangs dachte ich noch, Lisa Fischbach und Holger Lendt präsentierten einen weiteren Titel zum Thema Polyamorie, aber rasch zeigt sich bei der Lektüre, dass die Autoren zwar viel Sympathie für dieses Konzept hegen, aber dann doch weit darüber hinaus gehen.
Der Untertitel des Buchs heißt „Ein Plädoyer für mehr Freiheit in der Liebe“. Und Freiheit meint hier nicht „Hose auf und los!“ sondern die Freiheit, dass jedes Paar für sich allein definiert, wie es seine sexuelle Beziehung gestalten will: Monogam, als Swinger, polyamor oder gar asexuell.

Konzepte wechseln statt Menschen

Zu dem WIE gesellt sich ein WANN: Die Autoren plädieren dafür, sich nicht mit Tag Eins einer Partnerschaft auf ein lebenslanges Konzept zu verständigen und sich dann verbissen daran festzuhalten sondern immer wieder neu zu hinterfragen, ob die Art und Weise wie man liebt noch aktuell ist oder ob sie an veränderte Bedürfnisse angepasst werden kann. So könne ein Paar im Laufe seines (Beziehungs-) Lebens wechselweise monogam, polyamor, swingend und wie auch immer unterwegs sein.
Wahre Freiheit entsteht laut Fischbach/Lendt dann, wenn Konzepte nicht mehr wichtig sind, denn jedes Konzept habe Regeln und provoziere damit automatisch Unfreiheit. Wenn das Paar seine Liebe über jedes Konzept stellt und damit auch über moralische Konventionen der Gesellschaft, werde es wirklich frei in seiner Liebe.

AMEFI funktioniert nicht

Die Autoren halten das Konzept der Monogamie (AMEFI = Alles Mit Einem Für Immer) für untauglich. Schon der Anspruch, dass ein einziger Mensch alle Bedürfnisse eines anderen erfüllen könnte, sei barer Unsinn, und dann auch noch zu fordern, dass dies ein ganzes langes Leben lang geschehen soll, sei völlig utopisch. Dies führe nur zu Frust und Enttäuschung und schließlich zu Untreue, Verletzung und Trennung.
Zielführender – und liebevoller – sei hingegen, nicht den Partner auszutauschen, wenn er den Ansprüchen des eigenen Konzepts nicht mehr erfülle, sondern das Konzept neu zu verhandeln, damit man so zusammenleben kann, dass die Bedürfnisse beider möglichst gut erfüllt werden.

Liebe zur Liebe

Dazu braucht es, so die Autoren, die Bereitschaft zu Reflexion und Kommunikation und vor allem die Liebe zur Liebe: Wer es schaffe, sein Herz ganz auf die Liebe an sich auszurichten, der finde Wege, mit Angst, Wut und Unsicherheit, die aus einer Beziehung zu einzelnen Menschen entsteht, konstruktiv umzugehen.
So ist dieses Buch recht eigentlich ein leidenschaftliches Plädoyer für die Liebe.
An dem Buch gefallen mir die innere Haltung der Autoren, die Fülle an Informationen, die Beispiele aus der Praxis der Paarberatung, die einfache Sprache und insbesondere die deutlichen Hinweise auf die desaströsen Auswirkungen eines Religions- und Gesellschaftssystems, das auf Kapitalismus, Konsum, Schuld und Herrschaft basiert. So kommt das Buch zu rechten Zeit: Allerorten fliegen uns die patriarchalen Trümmer um die Ohren, und auch im Mikrokosmos der Paarbeziehung darf nun nach Matriarchat und Patriarchat etwas Neues kommen – etwas, das dem Menschen viel mehr gerecht wird. Liebe eben. Und die Freiheit, sie liebevoll zu gestalten.

Bewertung:
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Buch-Website mit Interview: www.treueistauchkeineloesung.de
Verlag-Website mit Leseprobe: www.piper-verlag.de

Aktualisiert am 20. Februar 2024 22:07