"Heiß duschen" von Carsten Großer

„Heiß duschen“
von
Carsten Großer


Verona Schmidtbauer klappte den fünfzehnten Band der illustrierten Erstausgabe von Herwig Vönkemeyers Lexikon der Gesamten Deutschen Literatur zu und hob den Blick. Durchs Fenster der Bibliothek sah die junge Germanistin in den frühlingsgrünen Wilhelminen-Park hinaus, dessen frischgeschnittenen Rasen schon wieder Scharen vorlesungsmüder Studenten bevölkerten. Nein, auch heute würde sie wohl dem Geheimnis um die späte Heirat des Vormärzdichters Johann Nepomuk Pfannschlitter mit der Kaufmannswitwe Eva Amalie Portukeit nicht näherkommen. Was für ein sagenhaft mühseliges Thema hatte sie sich da auch aufschwatzen lassen! Spätestens vor drei Monaten, als sie vom Scheitern dreier ihrer Vorgänger erfahren hatte, wäre es Zeit für eine Zäsur gewesen. Aber nein, da war dieser verfluchte Ehrgeiz! Und was hatte ihr Betreuer nicht getönt von der exorbitanten Bedeutung des Themas, welch eine Ehre es für sie wäre, das SIE es ganz bestimmt hervorragend meistern würde und welch eine Empfehlung die Arbeit für ihre weitere Karriere bedeuten würde! Geradezu eine Revolution der Literaturwissenschaft hatte er vorausgesagt. Und nun plagte sie sich schon seit fast zwei Jahren mit dem kümmerlichen und eher dröge-pathetischen Nachlaß des Pfannschlitter herum und suchte nach Spuren seines kargen Daseins. Die Tage und Wochen in alten Archiven, auf Dachböden, in Kirchenregistern und Antiquariaten erschienen ihr heute wie Jahre – Jahre des Dunkels, voll von Staub und arm an Erkenntnis.

Matt fiel die Nachmittagssonne durch die mit grauem Schleier überzogenen Fenster, der Staub tanzte zwischen Bücherregalen und Tischen. Sie packte ihre Kopien in den Rucksack und floh ins Freie. In einer der stilleren Ecken des Parks legte sie sich zu den Sonnenhungrigen. Noch redete sie sich ein, auch hier lesen zu können. Dabei war ihr eigentlich klar, daß sie nicht weit kommen würde, daß ihre Gedanken abschweifen würden. Diese buchstäblich erdverbundenen Momente in der Wärme der Sonne gehörten zu den wenigen sinnlichen Vergnügungen, die sich in ihrem momentanen Leben ereigneten. Seit ihr langjähriger Kommilitone, Freund und Bettgefährte Markus sich vor einem Jahr mit einem nonchalanten „Na vielleicht sehen wir uns ja mal wieder“ nach Südfrankreich verabschiedet hatte, hatte sie sich wie betäubt in die Arbeit gestürzt. Wären da nicht die geliebten regelmäßigen Saunagänge und ihre Passion fürs Radfahren gewesen, so hätte sich ihre Existenz auf die essentiell lebenserhaltenden Rituale plus Arbeit, Arbeit, Arbeit beschränkt. Nur manchmal gelang es ihrer Freundin Corinna, sie da herauszureißen und ins Getümmel des Nachtlebens mitzuzerren. Zu zweit hatten sie schon in mehreren Kinos wegen permanenten Gegackers Aufsehen erregt und cocktailselige Nächte mit schwerwiegend-philosophischen Debatten verbracht. Leider hatte sie es Corinna immer noch nicht ganz abgewöhnen können, sie mit den verschiedensten Typen verkuppeln zu wollen. Auch wenn sie schon Lust auf mehr Mann hatte als sich in Alltagsgesprächen beim Aktenwälzen und Bücherstudium ergab – Corinnas Kandidaten waren einfach nie die richtigen. Ihr letzter Versuch eines one-night-stands war kläglich gescheitert, nachdem der Kerl sich am Automaten doch lieber für ein Magnum entschieden hatte.

So beschränkte sich ihr Sexleben auf Phantasien beim Sonnenbaden und das Perfektionieren subtiler Masturbationstechniken. Das sinnlich aufregendste waren für sie zur Zeit die gelegentlichen Begegnungen der bizarren Art mit dem halbwüchsigen Sohn der Nachbarin, der sie schon lange mit verstohlen-hungrigen Blicken auf der Treppe angesehen hatte. Ihrer beider Badezimmer lagen sich in einer Nische des Altbauhinterhofs genau gegenüber, auf diese Weise war der Einblick ins Bad des jeweils anderen ein exklusiver, wegen der Nähe aber auch sehr direkter. Nachdem sie beim Duschen vor einiger Zeit beobachtet hatte, wie sich hinter der Jalousie die Silhouette des Jungen abzeichnete, sah sie jetzt immer hinüber, ob er da war. Und wenn ihr danach war, ließ sie sich auf ein Spiel ein, das sie jedes Mal zwischen Neugier, Erregung und Albernheit schwanken ließ. Gelegentlich mußte sie sich wegdrehen, um ihm nicht ihr lautes Auflachen zu zeigen, manchmal war sie regelrecht gerührt über seine jugendliche Unbeholfenheit.

Zunächst hatte sie es dabei belassen, ihn einfach beim Duschen zuschauen zu lassen, indem sie ihr eigenes Fenster nicht mit der Jalousie verdeckte. Dann beobachtete sie ihn, der selbst nur zu ahnen war, unauffällig. Immer stand er etwas entfernt vom Fenster, und sie konnte nur vermuten, was er dort tat. Sie duschte exzessiv und hatte einen kindischen Spaß an ihrem Tun. Sonst war ihre exhibitionistische Ader anstandsgezähmt und verkümmert, die Kleidung eher verhüllend denn offenbarend – aber diese Minuten genoß sie. Schuld daran war natürlich auch der Ärger mit der Mutter des Jungen, die sie ständig mit irgendwelchen Beschwerden und Belehrungen über die Hausordnung terrorisierte, selbst aber Gerümpel und unzählige Paare von Schuhen auf dem Treppenabsatz lagerte. Sie war es wahrscheinlich auch, die ihr damals die Luft aus den Reifen gelassen hatte – nur weil sie ihr Fahrrad im Flur hatte stehen lassen. So war es eine subtile Art von Rache an der Nachbarin, wenn sie ihrem Sohn das voyeuristische Vergnügen einer intimen Duschperformance gewährte. Nach einigen Wochen hatte sie sich ihm zu erkennen gegeben und ermunterte ihn, sich ebenfalls zu zeigen. Er war vielleicht fünfzehn Jahre alt, sonst eher schüchtern, schmal, sanftäugig, mit kurzem, braunen Haar. Zunächst zögerte er, dann aber siegten Gier und Neugier und auch er öffnete die Jalousie. Geradezu eifrig ließ er dann auf ihre Gesten hin die Hüllen fallen und präsentierte sich ihr mit der ganzen rührenden Komik männlichen Balzgehabes. Seine Bewegungen und Gesten waren teils rührend-naiv, teils aus Pornoheften abgeschaut. Mit gierleuchtenden Augen und cool gemeinter Miene trug er seine Erektion zur Schau. Sie selbst beschränkte sich meist darauf, ihn beim Duschen zuschauen zu lassen und seine begierigen Blicke zu spüren. Manchmal jedoch animierte sie ihn bis an die Grenzen dessen, was sie sich selbst an Verdorbenheit zumuten wollte. Dann führte sie regelrecht Regie über das Geschehen auf beiden Seiten, war engagierte Choreografin von lüsternen Bewegungen, lasziver Mimik und öbszönen Gesten diesseits und jenseits der Glasscheiben.

Obwohl ihr diese Spiele Vergnügen bereiteten, erlaubte sie es sich nie, ihn wirklich an einem Moment ihrer eigenen Lust teilhaben zu lassen. Stets waren ihre eigenen Bewegungen nur Imitate der Extase, war ihr Auftritt nur ein Rollenspiel – mit ihrem und seinem Körper als Marionetten ihres szenischen Entwurfs. Und wenn sie spürte, daß die Erregung zu sehr von ihr Besitz ergriff, beschleunigte sie das Geschehen, trieb ihn mit angedeuteten Zungenspielen, tiefen Einblicken zwischen ihre Schenkel und mit simulierter Onanie zum schnellen Höhepunkt. Wenn sie sah, daß das hektische Auf und Ab seiner Hand schließlich verebbte, schenkte sie ihm stets noch das Lächeln der erfahreneren Frau und schloß die Jalousie, ließ den Vorhang herunter, die Vorstellung war beendet. Ihre eigene Lust zelebrierte sie erst danach, in der warmen Wanne oder auf dem Bett…