"Klick!" von Lutz Debus

„Klick!“
von Lutz Debus


Sie sah seine Bilder und war gefangen. All diese Gestalten in Öl, auf Leinwand, all diese monströsen Wesen mit den viel zu vielen Augen im Kopf, sie kannte diese aus ihren Albträumen. Grüne, rote, blaue Gesichter starren sie an. Sie drehte nervös ihr Vernissage-Champagnerglas zwischen Daumen und zwei Fingern. Wo ist dieser Maler? Dieses Bild, vor dem sie nun stand, musste sie kaufen. Da spürte sie ihn hinter sich. Noch nicht seinen Atem in ihrem Nacken. Aber doch wusste sie, dass er hinter ihr stand.

“Schönes Bildchen!” hörte sie seine kratzig-freundliche Stimme.

Sie drehte sich nicht um.

“Es gefällt mir. Aber es ist bestimmt nicht billig.”

“Ich schenk es Ihnen.”

Vera erschrak.

“Wie komme ich denn zu dieser Ehre?”

“Ich hab Sie beobachtet. Sie schauen sich so sehr dieses Bild an. Das ist wohl für sie.”

Sie merkte, dass sie errötete. Kurz nippte sie an ihrem leeren Glas.

“Wie kann ich mich denn revanchieren.” hörte sie sich sagen.

“Gar nicht. Unbezahlbar das Bild. Nur verschenkbar.”

Er kicherte dabei ein bißchen diabolisch.

“Malen Sie nur mit Öl?”

Vera wollte das Thema wechseln, weg von diesem Bild, das sie aus einem Dutzend Augen anstarrte.

“Ich fotografiere.”

“Was fotografieren sie denn?”

“Menschen, nackte Menschen.”

Sie fühlte sich wie ein Insekt, das wegfliegen wollte und nur immer tiefer sank.

“Warum lassen sich Menschen nackt fotografieren?”

Gehörte diese Stimme noch zu ihr, gehorchte sie ihr noch. Es sollte etwas abweisend, moralisierend klingen aber es hörte sich nur neugierig an.

“Brausepulver auf der Haut. Und Spucke. So muss es sich anfühlen wenn ich fotografiere. Sonst taugen die Bilder nichts.”

Sie fühle ihr Herz im Halse schlagen. Vorsichtig öffnete sie die Tür zur alten Drogerie. Das war sein Atelier. Scheppernd schlug eine Glocke an. Aus dem hinteren Raum schlurfte er heran. Riesig groß und riesig breit war dieser Mann. Das war ihr Tags zuvor gar nicht aufgefallen bei ihrem hastigen Abschied. Sie wollte schnell gehen und plötzlich hatte sie ihr Bild in der Hand. Das wartete nun im Auto darauf, wieder aufgehangen zu werden. Aber dazu hatte Vera noch keinen Mut.

Nun schaute er sie an. Er musterte sie, er fixierte sie, von oben bis unten. Sie wollte nicht schon wieder erröten – und errötete.

“Aktfotografie kommt für mich nur in Frage, wenn mein Gesicht nicht zu sehen ist.”

Von Anfang an klare Verhältnisse wollte sie schaffen.

“Mhm.” gab er ihr recht. “Aber warum?”

Genüsslich drehte er sich eine Zigarette. Er bot ihr einen Platz auf einem farbverschmierten Schemel an, setzte sich auf eine Holzbank. Ungefragt goss er ihr Kaffee ein.

“Ich arbeite an einer öffentlich exponierten Stelle. Da darf man mich nicht wieder erkennen!”

“Was machen sie denn?”

Vera mussteSie musste auf einmal lachen, über sich, über ihren strengen Ton.

“Ich verkaufe Strümpfe und Krawatten.”

Er lachte mit und sie erzählte.

“Strumpfkäfig heißt der Laden. So heißt er wirklich. Er ist fast zwei Quadratmeter groß. Auf der Galerie einer ganz edlen Einkaufspassage finden Sie ihn. Ich sitze da, rauche ständig, trinke ständig Kaffee, sitze da auf einem Barhocker mit meinem Minirock und mit schwarzen Strümpfen. Ich verkauf neunmal mehr Krawatten als Damenstrümpfe.”

Vera steckt sich eine von ihren Mentholzigaretten an, pustet den Qualm in die hereinscheinende Nachmittagssonne.

“Waren Sie immer schon Maler?”

“Nee, früher war ich Pfleger, oben auf dem Berg, hinter den dicken Backsteinmauern. Da oben trinken die Leute auch den ganzen Tag Kaffee und rauchen. Strümpfe verkaufen die aber nicht.”

Schon wieder lachte Vera. Das kannte sie gar nicht. Zweimal am Tag lachen. Seltsam.

Er griff nach der Kamera auf dem Tisch.

“Solln wir denn mal anfangen?”

Sie gingen einen schmalen Gang entlag. Im Hinterzimmer war das Fotostudio aufgebaut: Scheinwerfer, Vorhänge und weiße Decken.

“Ich möchte nicht mein Gesicht zeigen!” Ihre Stimme klang nun ganz klein.

“Kein Problem.”

Er kramte in einem Regal, brachte eine weiße, neutrale Maske zum Vorschein.

“Geht’s so?”

Vera probierte die Maske auf. Sie betrachtete sich im Spiegel. Weiß wie ein Blatt Papier war sie. Alles konnte sie darauf schreiben. Alle Lügengeschichten dieser Welt. Kein Wort über sich selbst, nur Lügen. Sie knöpfte ihre Bluse auf. Da saß sie nun, nackte Brust, weißes Gesicht. Sie spürte, wie sich das Objektiv auf sie richtete. Tatsächlich kribbelte es. Wie Brausepulver und Spucke. Klick! Sie öffnete ihre Hose, zog sie aus und dann ihren Slip. Nackt stand sie da. Nackt mit weißer Maske. Klick!

Sie legte sich mit ihrer Maske auf ein weißes Tuch. Sie räkelte sich wie nach einem langen Schlaf. Ihre Haut wurde zu Seide, ihr Gesicht zu Porzellan. Klick! Sie hörte nichts mehr. Das Scheinwerferlicht streichelte sie. Klick! Klick! Der Verschluss der Kamera gab ihr kleine zarte Klappse auf den Po, auf die Oberschenkel, auf die Brust. Sie bekam eine Gänsehaut. Dieser Maler, dieser Fotograf durfte sie jetzt auf keinen Fall berühren. Sie bewegte ihre Arme, ihre Beine. Nein, ihre Arme, ihre Beine bewegten sich von selbst. Tanzten, während die weißmaskierte Vera auf dem Rücken lag. Klick! Klick!

“Ich darf mich nicht so viel bewegen!” dachte sie.

“Sie bewegen sich so viel. Brauchen Sie Halt?”

Das fragte er und sie sagte:

“Ja!”

Das Seil war ganz weich auf der Haut. Nylon. Sie hielt das eine Ende in der Hand und er wickelte sie ein. Noch hatte er sie nicht berührt. Die Fliege im Netz der Spinne. Es muss schön sein, so zu sterben. Das Tau schenkte ihr eine liebevolle Umarmung. Es ließ sie nicht los, nicht fallen. Sie war geborgen in ihrem Kokon. Sie spürte jede Pore ihrer Haut, sah sich wieder im Spiegel. Wunderschön fand sie sich anzusehen.

“Früher habe ich viele Menschen gefesselt. Oben auf dem Berg, hinter den dicken Backsteinmauern. In ihren Gurten lagen sie stundenlang auf dem Bett. Armgurte. Beingurte. Leibgurte. Sie nannten mich Folterknecht und Gott. Sie wollten lieben und töten. Stattdessen gab ich ihnen eine Spritze und sie schliefen ein. Sie wachten zwar alle wieder auf aber für mich war es ein Albtraum. Immer schauten sie mich an mit ihren großen Augen. Erst als ich angefangen habe zu malen, konnte ich dort kündigen.”

Schüchtern knotete er das andere Ende des Seils fest, keine unnötige Berührung ihr gebend. Da stand sie, nackt, maskiert, gefesselt. Niemand darf sie so sehen! Klick! Klick! Dann befreite er sie von dem Seil. Er setzte sich, drehte sich eine Zigarette.

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