"Quetzalcoatl" von Beate-Helena Wehrle

„Quetzalcoatl“

von Beate-Helena Wehrle

Die Küche ist in dichten Nebel gehüllt. Schwitzend beugt sich
der Koch über die Töpfe und rührt die sämige Flüssigkeit. Durch die beschlagenen Gläser seiner Brille verfolgt er, wie der Schwung der Kochlöffel die braune Masse in Bewegung hält. Gleichmäßig sieht er sie an den glatten Wänden der zwei großen Töpfe hinauf- und hinabgleiten. Bilder aus dem Fernsehen werden in ihm wach. Der Wind treibt träge braune Wellen gegen die glatten Felsen, die Vögel kämpfen mit verklebten Flügeln gegen den Tod. Fehlt nur noch das havarierte Schiff, denkt der Koch und lässt einige Haselnüsse im öligen Meer versinken.

Er öffnet das Fenster und dreht die Flamme unter den beiden Töpfen größer. Dicke Blasen beginnen sich aus der glänzenden Oberfläche herauszustülpen. Spannungslos fallen die einen wieder in sich zusammen, während sich andere so weit aufblähen, bis sie platzend aus der heißen Quelle herausspritzen. Verzweifelt versucht der Koch, seine nackten Arme vor den gefährlichen Geschossen zu schützen. Scheiße, ruft er und zieht die Ärmel seines Pullovers bis zu den Handgelenken hinunter.

Er dreht das Feuer aus und nimmt die beiden hölzernen Kochlöffel vorsichtig aus den Töpfen. Als hielte ich zwei dünne Beine mit braunen Strümpfen in Händen, denkt er und muss lächeln. Behutsam führt er die Löffel zum Mund und berührt das glatte Holz mit seiner Zungenspitze. Als er von der geschmeidigen Creme kostet, schließt er die Augen und gibt ein leises Grunzen von sich. Dann lässt er die Zunge langsam über die Länge des Holzes hinauf und hinunter gleiten, als könne er so die einzelnen Geschmacksnuancen mit jeder seiner Papillen erkunden. Er fühlt, wie seine Sinne sich auf einen Punkt konzentrieren und für einen kurzen Augenblick glaubt er, selbst nur ein einziges großes Geschmacksorgan zu sein. Eine leichte Gänsehaut huscht über seinen Körper. Als er das dünne Holz von allen braunen Spuren befreit hat, atmet er tief durch und wischt sich mit der Hand den Mund ab. Wie nackt sie jetzt aussehen, fast als würden sie frieren, überlegt er und legt die Löffel in das heiße Spülwasser.

Er schaut auf die Uhr und beginnt eilig, das Geschirr abzuwaschen und den verspritzten Herd und die Kacheln zu reinigen. Nachdem er seine Schürze ausgezogen hat, legt er eine weiße Decke auf den großen Küchentisch, stellt Töpfe und Kuchenpinsel in Reichweite auf einen Stuhl und zieht sich leise pfeifend aus.

Er schließt das Fenster und schaltet das Radio ein. Dann setzt er sich längs auf den Tisch und taucht den breiten Pinsel behutsam in die warme Schokolade. Sie soll nicht weniger staunen als die Azteken, denen Quetzalcoatl den Kakao schenkte, denkt er, während er die braune Masse sorgfältig vom Hals abwärts auf seinem Körper zu verteilen beginnt. In einer halben Stunde wird meine Geliebte bei mir sein, freut er sich und schmückt seinen Bauchnabel mit einer Haselnuss.

Leise stöhnt er, als seine Haut unter der langsam erkaltenden Schokolade zu kribbeln beginnt. Er schließt die Augen und versucht sich ihr überraschtes Gesicht vorzustellen, wenn sie die Tür öffnet und ihn auf dem Tisch entdeckt. Fast unmerklich würde sie die linke Augenbraue in die Höhe ziehen und grinsen. Was ist denn mit meinem kleinen Wilden los, würde sie rufen und ihn sanft auf Lippen und Ohrläppchen küssen. – Erwarten wir Gäste oder hast du etwa den Tisch nur für mich so liebevoll gedeckt? – Komm, lass mich kosten, würde sie ihm ins Ohr flüstern und die Schokolade langsam von seinen Brustwarzen lecken. Wie kein anderer weißt du meine Lieblingsspeise zuzubereiten, würde sie dann schwärmen und ihre Zunge langsam über seinen Körper gleiten lassen, bis dieser wieder völlig weiß und unbefleckt vor ihr läge. Der Koch spürt, wie ihm trotz seiner Nacktheit heiß wird. In Gedanken versucht er nach der Geliebten zu greifen. So sehr wünscht er sich, für immer mit ihr zu verschmelzen.

Plötzlich zuckt er erschrocken zusammen. Scheiß Telefon, murmelt er und rutscht vom Küchentisch. Kurz blickt er auf seinen Bauch und Unterkörper: Wie ein unfruchtbares Lehmgebiet voller ausgewaschener Grater sieht das plötzlich aus, denkt er und greift nach dem Hörer. Hallo, ruft er gereizt. Ich bin es, antwortet sie mit einer, wie ihm scheint, unangemessen lauten Stimme. Ich wollte dir nur Bescheid sagen, dass es bei mir heute später wird. Du brauchst nicht auf mich zu warten, fang doch schon mal alleine an zu essen.

Er spürt, wie er vor Kälte mit den Zähnen zu klappern beginnt. Was hast du, unterbricht sie sein Schweigen, ist alles in Ordnung bei dir? Nein keineswegs, du hast gerade meinen Traum zerstört, antwortet er und lässt den Hörer auf den Apparat fallen.

Nachdenklich greift er nach dem ‚Diaeteticon‘ von Elsholtz und beginnt darin zu blättern. „Der gemeine Brauch bey uns ist / daß man die Succolade zu Pulver schabet / und davon ein halb Loht mehr oder weniger / in einem trucken Spanisch oder Rheinisch Wein mit ein wenig Zucker abgesüßt / und entweder des Morgens nüchtern / oder nach Mittage / oder des Abends beym Bettgehen außtrinket.“ Was aber bleibt uns, überlegt er und klappt das Buch zu, was bleibt zu tun, wenn die alten Rezepte ihre Wirkung verloren haben?

Beate-Helena Wehrle, Saarbrücken: langjährige Erfahrung in der Produktion von Texten unterschiedlichster Genres, seit 1997 Mitglied der Autorengruppe „Proitzer Mühle“