"Heilige Maria" von Konrad Endler

„Heilige Maria“
vonKonrad Endler


Schläuche und Draht. Piep Piep Piep, dieHerzfrequenz.
Über mir Neonröhren.
Tja, da lieg ich nun hier. Auf der Intensivstation.
Bin letzte Woche aus dem Koma aufgewacht. Und ich war wirklich überrascht.Weswegen, dazu später mehr.
Warum ich im Koma gelegen hab?
Schwerer Romméunfall.
Da kann ich mich bei meinem hohen Blutdruck bedanken.

Es war an meinem achtundzwanzigsten Geburtstag, meine Freundin Britta war zuBesuch. Hatte ihre beiden Tanten mitgebracht. Ihre beiden hämischen Tanten.
Hatten Eierlikör dabei und gelbe Frotteehandtücher. Wollten wohl über Nachtbleiben.
Kuchen auf den Tisch gestellt. Kerzen ausgeblasen. Dann ging’s los: Rommé.
Ich verlor am laufenden Band. Aber nicht, dass dem schon genug war. Nein, dieTanten verhöhnten mich obendrein und schnitten Grimassen dabei.
Ich war wütend. – Und dann war es eben passiert:
Da hatte ich endlich mal ein gutes Blatt und wollte satt auslegen. Vor mir warnur noch Britta an der Reihe.
Und was macht diese Kuh!
Macht fertig.
Die beiden Tanten hatten bereits die meisten Karten vor sich auf dem Tischliegen, nur ich hatte noch die ganze Kralle voll. Dann ging das Gelächter los.
“Ahh, der Herr wollten wohl Handrommé machen, so richtig der lieben Britta undihren guten Tanten eins ausbraten. Hat nicht geklappt? Macht ja nichts, wirspielen ja nur um die Ehre.“
Ich stand auf und…

…und über mir drehte sich der Kronleuchter. Die Lichter flogen hin und herwie Spatzen oder Schmetterlinge. Dann erloschen sie.
Ich befand mich in einem dunkelgrünen Zimmer. Es roch nach Honig.
“Ganz schön heftiger Trip.“, dachte ich, und: „Nie wieder Eierlikör!“
Ich war nackt.
Rechterhand befand sich eine Tür.
Na, mal gucken.
Überwältigend. Vor mir eine summende Sommerwiese, gesäumt von Kirschbäumen. DieLuft warm und leicht. Vielleicht doch bald wieder Eierlikör.
In einiger Entfernung stand ein Fachwerkhaus.
Es erinnerte mich an das Haus meiner Kindheit. Mir wurde angenehm ums Herz.
Ich brach mir einen Stängel Weidelgras ab und machte mich auf den Weg.

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Die Haustüre war nicht abgeschlossen, stand sogar einen Spalt offen.
Oh Mann, wie das hier duftete! Undefinierbare Blumenvielfalt.
Überall hingen kleine Spiegel, lagen Schminkdöschen.
Ich konnte mich sehen, wenn ich in einen dieser Spiegel blickte. Nahm an, dassich demzufolge nicht tot war. Schöner Trip.
Ich tupfte mir einen Punkt Wangenrouge auf die Stirn und machte indischeBewegungen.
“Na, da bist du ja endlich.“, sagte da jemand.
In der Eingangstür stand eine mittelgroße, brünette Frau. Ganzschön präsenter Körper.
Strahlender Blick, enge Jeans, einladend ausladende Hüften, engelsgleichstrenge Gesichtszüge.

„Kennen wir uns?“, fragte ich.
Sie kam näher und hauchte in mein Gesicht: „Darf ich mich vorstellen, heiligeMaria, Mutter Gottes, Massagen, Ölungen, unbefleckte Empfängnis.“
Hormonmoleküle betäubten meine Sinne.
Energisch aber sanft griff sie nach meinen Eiern. Ich bekam sofort einenStänder. Sie zog mich die Treppe hinauf.
Ich ließ sie einfach tun.
“Aber unbefleckte Empfängnis mache ich nicht mehr.“, sie wies auf eineMassageliege, „Vom Rest gibt’s gleich ´ne kleine Kostprobe.“
Au ja.

Ich machte es mir bequem.
Die heilige Maria nahm ein Flacon zur Hand. Dunkelrosa Flüssigkeit. Sowasähnliches wie Rosenöl.

Ihre Hände glitten über meinen Körper. Es war, als würde sie mich waschenwollen. Ich glänzte und zitterte. Maria selbst hatte schon gut gerochen, aberdas Öl! Das Öl!
Es erwärmte, erhitzte mich. Mein Schwanz wurde prall bis zum Bersten.
Dann begann sie mich zu massieren.
Sie musste über beachtliche Kenntnis der männlichen Anatomie verfügen.
Das Öl bildete eine Schutzschicht um meine empfindliche Eichel. Maria rieb unddrückte.
Ich war kurz davor, zu kommen.
“Nun mal nicht so eilig! Freundchen!“
Sie stand auf und ließ ihre Jeans herab. Dichtes, schwarzes Schamhaar. Ich warin der Welt der Gewürze gelandet.

Meine Zunge kreist, mein Mund saugt sich wie das Ende eines Tentakels an ihrerVagina fest. Maria schreit stumpf. Es schmeckt nach Mandeln. Ich reiße ihrenKörper in die Luft und bohre mein wild pochendes Glied zwischen ihren bebendenLabien hindurch tief in die Dunkelheit ihres Gebärapparates. Mir schwinden dieSinne. Ich gebe dromedarische Laute von mir. Unsere Gesichter reiben sichaneinander und unsere Zungen spielen das Spiel verliebter Schlangen. Ich habedas Gefühl, meine Eichel berühren zu können, wenn ich die Zunge nur tief genugin Marias Mund stecke. Stoß auf Stoß vergehen die Minuten. Alles um unsherum taucht sich in quäkendes Grün.
Nein, das Grün kreischt! Ihre Lustschreie übertönen mein luftloses Keuchen undschon explodieren unsere Hüften. Ich bin die Wiese, bin die Kirschbäume, ichbin ein kleiner Stängel Weidelgras. Licht!
Licht! Eine Ladung heißen Quecksilbers ergießt sich aus meinem sterbendenKrieger in das weiche Zucken ihrer lachenden Scheide. Mutter Gottes!

Ich erwachte.

Schläuche und Draht, über mir Neonröhren. Noch immer bebte mein Leib. Aber erfühlte sich trocken und krank an.
Ich sah an mir herab. Oh Nein! Nein, das kann doch nicht wahr sein!
Meine Hände, faltig und alt. Ich riss die Decke zur Seite.
Alt! Alles an mir war alt.
Ich richtete mich auf: „Ein alter Mann. Ich bin ein alter Mann.“
In einem Krankenzimmer. Auf einer Intensivstation.

Das war vor einer Woche. Fünfzig Jahre hatte ich im Koma gelegen. Aber ich binnicht verzweifelt. Nein, ich liege hier und bin glücklich. Ich freue mich aufden Tod.
Vielleicht sollte ich die Schwestern fragen, ob sie Rommé können.

Konrad Endler, geb. 1971, Mann mit zwölfArmen und fünfundzwanzig Hektolitern Lungenvolumen. Mitglied der Lesebühne“Blauer Drache“
(www.blaudrache.de), E-Mail: konrad@hortkind.de

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