"Last Exit – Das letzte Mal" von Carola Heine

Der alte Mann hatte eine putzigeWürde, wie er da im Abflugraum des Flughafens sass und darauf wartete, dasssein Flug aufgerufen wurde. Perfekte Bügelfalten in der Hose, korrekt sass dieKrawatte und exakt verlief der Scheitel in dem immer noch kräftigen, aber fastschneeweissen Haar. Zwei Eheringe sassen locker an seinem knochigen Finger, einWitwer war er also, wie es auch in seinem Alter wohl nicht anders zu erwartenwar.

Man konnte ihm noch ein wenigansehen, dass er einer dieser feurigen dunkeläugigen Ehemänner gewesen war, derseiner Frau glaubhaft ewige Treue schwur und andere Frauen zumindest mit denAugen liebte. Wir wollen mal davon ausgehen, dass es nur die Augen waren, dennwas immer er auch getan hatte in seinem Leben, es war lange verjährt. DerService der Fluggesellschaft hatte besorgt nachgefragt, ob denn ein überNeunzigjähriger alleine reisen könne, und seine Urenkelin hatte stolz erklärt,dass er ein sehr rüstiger Opa wäre.

Ein Opa, dachte er. Ich bin einOpa. Ein Uropa sogar. Wann ist das passiert? An manchen Tagen kommt es mir vor,als sei es gestern gewesen, dass der kleine Kamerad da unten ständig aufstand,um sich die Frauen der Welt zu betrachten. Unauffällig unter dem Tuch derHosen, ja. Aber nicht immer. Wenn zum Beispiel damals in 1927 die pralle Fraudes Metzgers sich über die Auslage beugte und die Fleischberge unter ihrerSchürze sich aneinander schoben, damit sie die Fleischberge in der Glasthekebesser erreichte, überkam ihn der Drang nach den geklopften Schnitzeln in der vorderstenReihe der Theke so dringend, dass er die mit einer Schnur zusammengehaltenenBücher plötzlich vor dem Bauch tragen musste wie ein Drittklässler.

Noch heute musste er schmunzeln,wenn er daran dachte. Viele solche Frauen hatte es gegeben, die Metzgersgattinwar nur eine der ersten gewesen und daher besonders tief in der Erinnerungverankert. Er hatte gedacht, es würde immer so sein, das wusste er noch. Wanngenau es aufgehört hatte, wer konnte das schon sagen. Vielleicht vor dreissigJahren, eventuell auch vor zwanzig. Vielleicht hatte es auch gar nichtaufgehört und sein müder alter Körper reichte die Signale von innen und aussennur nicht mehr zuverlässig weiter? Ja, dann war er wohl ein Opa.

Es konnten aber auch die jungenFrauen sein. Sie hatten sich verändert. Immer knochiger, immer konturenloserschienen sie zu werden, hungerten sich Brüste und Hüften weg und schienen umsozufriedener zu sein, wenn es möglichst wenig von ihnen gab, als hätte ihnenniemand begreiflich gemacht, dass es Fleischeslust hiess – und nichtKnochenkitzeln.

Nicht alle, zugegeben. Der alteMann betrachtete zufrieden über den Rand seiner Zeitung hinweg das göttlicheWesen, welches sich gerade auf der Bank gegenüber niederliess. Ein Opa mochteer sein, aber seine Augen liessen ihn nicht im Stich und unauffälligbeobachtete er, wie lange Beine auf Stöckelschuhen übereinandergeschlagenwurden und deren Besitzerin eine wogende Oberweite vergeblich mit einem zartenStrickjäckchen zu tarnen suchte, während kleine und grosse Taschen und Tütenübereinanderpurzelten.

Die Besitzerin des reichlichenHandgepäcks schob eine hellblonde Wuschelmähne zur Seite, grosse dunkelblaueAugen betrachteten ihn. Erstaunlich war nur, dass sie daraufhin kokett dieWimpern niederschlug, ein wenig zur Seite blickte und ihm dann einhinreissendes Lächeln schenkte. Ein wenig verwirrt drehte er sich um, aber dawaren nur Grünpflanzen: Sie meinte wirklich ihn.

Freundlich nickte er zurück. Dawar eine kleine Stelle links in der Brust, die etwas schmerzte. Es war nichtdas Herz, es war sein Stolz, denn früher hatten Frauen ihm dieses Lächeln nichtgeschenkt, weil er ein putziger Opa war, sondern weil sie mit dem Gedankenspielten, die Fingernägel in sein durchtrainiertes Hinterteil zu graben,während sie selbst ein wenig mittrainierten.

Jetzt aber war er tatterig,weiss und eindeutig ein Opa. Frauen wussten nicht mehr, dass auch er ein Mannwar, sie sahen nur den Greis. Das leise Signal, welches der kleine Kamerad beidem Ausblick auf die schwarze Seidenstrumpfhose gegenüber auszusenden wagte,durfte er getrost ignorieren. Wahrscheinlich war es ohnehin nur Magnesiummangeloder wie diese ganzen modernen Unwichtigkeiten alle hiessen.

Der Rocksaum verschob sich undfast hätte er sich eingebildet, dass es absichtlich geschah, denn nun sah man -es war keine Strumpfhose, es waren Strümpfe. Es konnte zwar unmöglich Absichtsein, aber einen Blick riskierte der gesetzte Herr trotzdem, unauffällig an derZeitung vorbei.

Welch ein Kontrast, das zarteweisse Fleisch und die schwarze Spitze. Von Mangel an Magnesium konnte momentanwohl nicht die Rede sein. Es durchzuckte den alten Mann wie ein Stromschlag,als er in die neckischen dunkelblauen Augen blickte und begriff, dass diesejunge Dame vor ihm sich nun keineswegs zufällig vorbeugte und fragte“Können Sie mir bitte die Uhrzeit sagen?“, während sie die Beine indie andere Richtung übereinanderschlug und ein prachtvolles Dekolleteentblösste, welches nun auch nicht mehr unter die Strickjacke geschoben wurde.

Der alte Mann warf einenverwirrten Blick auf die zwei grossen Uhren, die den Abflugraum zierten. Seltenwar er so eindeutig „angemacht“ worden, selbst zu seinen prallstenZeiten hatten die Damen sich darauf verlassen, dass Hormone und Initiative ihnvorantrieben. Obwohl es auch da Ausnahmen gebeben hatte, von denen er sichselbst am liebsten sagen mochte, dass er sie herausragend gemeistert hatte.Diesmal aber ….

Es ist noch nicht zu spät, hätteer sagen sollen und das verheissungsvolle Lächeln zurückgeben sollen.Stattdessen sagte er und hoffte, dass seine Stimme nicht zitterte „Es istzehn vor Zwei.“ Natürlich sah sie ein bisschen enttäuscht aus, aber washatte sie denn erwartet? Vielleicht hätte er sie an die Bar einladen können,wenn sie nicht schon eingecheckt hätten. Vor dreissig oder vierzig Jahren undvor fünfzig oder sechzig Jahren, ja, da hätte er mit dem Gedanken gespielt, denFlieger zu verpassen und ihr das Fliegen beizubringen.

Sie schmollte nicht lange,sondern schenkte ihm wieder ein strahlendes Lächeln, bei dem ihm ganz warm umsHerz und vielleicht auch anderswo wurde. Gefangen in einem alten Körper binich, dachte er wütend. Das Mädchen schien sich nicht daran zu stören. Dieriesigen blauen Augen flirteten ihn ganz unverhohlen an und sie schob ihreKurven in einer Art und Weise auf der Sitzbank hin und her, die eindeutigverlocken sollte. Offen und gerade sah sie ihm ins Gesicht, sie war sich ihrerReize bewusst und setzte sie gezielt ein. Es war unmöglich. Aber es schien dochso zu sein. Vielleicht, so dachte der Mann, sollte ich es einfach daraufankommen lassen. Es könnte, nein, es wird das letzte Mal sein, das steht wohlfest.

Bisher hatte er den Gedankenniemals berührt. Es schien ein wenig das Ende von allem zu sein, wenn manzugeben musste, man würde niemals wieder eine Frau berühren, in sie eindringenund ihre Haut küssen, sich in die Ekstase treiben lassen. Auch wenn es so war,man wollte es nicht wissen. Jetzt aber könnte der Abgang ein echtes Finalesein, ein wahrer Abschied von der Liebe und nicht ein langsam weitervoranschreitendes Vertrocknen.

Wenn sie sich das nächste Malüber ihre Tasche beugt und zwar, ohne dass sie die Jacke über dem Ausschnittschliesst, dann werde ich sie fragen, ob sie auch nach London fliegt. Das istzwar Blödsinn, denn schliesslich sitzen wir beide hier in der Abflughalle undhaben Gepäck dabei und warten auf denselben Flieger. Aber was soll ich sonstsagen? Die Urenkel sind sicher kein prickelndes Thema.

Das Mädchen lächelte ihn an undfuhr sich mit der Zungenspitze leicht über die Lippen. Der alte Mann sammelteseinen Mut zusammen, aber bevor er ein Gespräch beginnen konnte, kam einezweite junge Frau winkend und rufend auf die Blondine zu, die zusammenzuckteund sich suchend umsah, obwohl ihre Bekannte schon fast vor ihr stand.“Irina!“ rief die andere und lachte. „Na Gottseidank bist Dunoch da. Ich hatte schon Angst, Du wärst wieder versehentlich auf derHerrentoilette verschollen! Hier sind Deine Kontaktlinsen, Liebes.“

Carola Heines Homepage: https://www.melody.de

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