"Susi von der Klammeraffen-Insel!" von Michael Klarmann

„Susi von der Klammeraffen-Insel!“
von Michael Klarmann

Klammeraffen ist es möglich, sich bis zu zehn Meter von Palme über Gummibaum zum Baumhaus zu hangeln. Die Klammeraffen sind ein besinnliches Völkchen, welches aus dem südamerikanischen Regenwald stammt ­ besinnlich, solange man sie nicht unnötig reizt.

Erst mit der Entdeckung des Internet zog es sie in unsere Breitengrade. Nicht nur die Damen und Herren des GMX-Mitglieder-Info vermuten zwischen der Form des Klammeraffen-Schwanzes und des formschönen Symbols zwischen dem Inhaber eines E-Mail-Postfaches und seines Wohnsitzes einen kolossalen Zusammenhang. In Insiderkreisen nennt man jenes @ deshalb auch Klammeraffe!

Gewöhnungsbedürftig, aber so steht es nun einmal geschrieben. Sollte sich all das als stimmig erweisen, kommt meine neue Freundin Susi wohl von der Klammeraffen-Insel! Sie schrieb mir unlängst, komischerweise an mehrere meiner E-Mail-Adressen im gleichen zutraulichen Ich-kenn´-Dich-Tonfall: »Hallo mein Lieber, ist ja auch schon wieder ein wenig her, seit wir Kontakt hatten (ich hoffe wirklich nur, ich habe mir deine E-Mail-Adresse richtig gemerkt, sonst blamiere ich mich jetzt wahrscheinlich gerade mehr als furchtbar) in einem Chat.«

Bei einem ungebetenen Anruf würden wir hier auflegen, und ein unaufgefordertes Fax oder eine ebensolche E-Mail wegwerfen. Da in mir aber immer eine Frohnatur mit Zuname Spürnase lauert, muss ich derlei zwangsläufig weiter lesen: »Du hattest damals wirklich recht, wenn eine Beziehung hinüber ist, hat es keinen Sinn sie retten zu wollen. Naja, nun bin ich inzwischen wieder solo. Ich genieße mein Leben fast wunschlos glücklich, das eine was mir noch fehlt, ist eben das, was man „Schmetterlinge im Bauch“ nennt. Und da bin ich mal mutig und melde mich einfach so bei dir.

Ist bestimmt etwas eigenartig, wenn ich dir so unbekannterweise eine unmoralisches Angebot mache, aber von nichts kommt nichts (hihi).« Spätestens an dieser Stelle habe ich die Reply-Taste gedrückt und schon, ohne zu wissen, was ich da eigentlich tue, in die Tastatur gehämmert: I wo, Mädel, wieso eigenartig, wieso unmoralisch (haha-hoho). Natürlich dämmert mir unisono mein schändliches Tun. Die Frau hat Kummer, da macht man keine Witze. Nachher wirft sie sich vom Dach eines Hochhauses und in der Bild steht: Vorlauter E-Mail-Terrorist bringt allein erziehende Mutter um. Drei Kinder leben nun ohne ihre liebe Mama…

Ich lösche auf der Stelle das eben getippte. Also höflich weiter lesen: »Und du warst eben supernett, und ich denke, auch das ist wichtig, also im ernst, es muß ja nicht gleich die große Liebe werden, das wird sich zeigen, aber wir sollten doch einfach einen Anfang wagen.« Puh, denkt man sich hier, das Mädel hat es ganz gehörig drauf, vor allem aber hinter den Ohren. Die stürzt sich nicht so leicht von einem Hochhaus, höchstens ins pralle Leben: »Bestimmt denkst du jetzt, ob die das ernst meint, ja tue ich, ehrlich, und noch ehrlicher, ich bin eben auch noch zu jung um länger ohne Sex auszukommen. Bist du jetzt entsetzt? Ich hoffe nicht, wenn ich mich recht erinnere, war Sex ja auch für dich nicht ganz unwichtig (…), waren ja teilweise recht heiß unsere Gespräche. Oder hast du die etwas (sic!) schon vergessen?«

Ich drehe mich ziemlich paranoide um. Ist meine Freundin da? Liest mein liebster Feind mit? Aber dann dämmert es: Ich habe gar keine Freundin. Was aber, wenn ich eine hätte und sie riefe meine E-Mails ab? Ich lese gespannt weiter: »In den Chat gehe ich nicht mehr, mein Ex hat da immer tödlich abgenervt, durch eine gute Freundin bin ich jetzt ins T-Online gekommen (…). Also ich fänd ja wirklich toll, wenn sich da was ergeben könnte, mit uns! Schon mal ein dickes Küßchen vorneweg, Susanna.« Da wischt man sich doch erst mal die Lippen. Dann fällt einem aber noch was auf: »P.S. hast du das tolle Strandbild noch, das ich dir geschickt hatte, dann kannst dud eine (sic!) Erinnerung ja auffrischen.«

Und hier purzelt der Groschen der Erinnerung: Mann, Alter, dat is´ Susi von die Klammeraffen-Insel, die mit die Liebesschaukel und natürlich die, wo der Ex beim Jugendschutz die Frühstücksbuletten anschaffen geht! ­ Mit zweimal Senf übrigens! Dann aber dämmert es. Vielleicht kommt Susanna ja aus Italien. Dort nennt man das Mittelstück der E-Mail-Adresse Schneckenhaus. Susanna scheint ´ne prima Schnecke zu sein. Vielleicht hat sie Freundinnen, also Schneckenhaus…?

Die Tschechen, zumindest deren eingefleischte Net-User, nennen den Klammeraffen übrigens Rollmops. Ich erinnere mich daran, dass ich von einer ähnlichen Susi schon mehrfach elektronische Post erhielt. Aus Recherchegründen, wie wir Spürnasen so sagen, bin ich da mal eben vorbei gesurft. Also, Neoprem-Anzug an, ab in die stürmischen Fluten und hin zu Sandy, wie Susanna damals noch hieß. Das, was ich da sehen musste, sah wirklich entfernt aus wie ein Rollmops. In die Zimmerchen, die sich Dirty-Chats nannten, bin ich erst gar nicht ´rein. Zu Groß die Furcht davor, auf Dänen zu treffen, denn die nennen das Klammeräffchen angeblich liebevoll: Schweineschwanz.

Michael Klarmann, geboren 1968, ist freier Journalist, Autor und Hobby-Musiker, schreibt Prosa, Lyrik, Kritiken, Glossen und Satiren für etliche Zeitschriften in den Bereichen Musik, Literatur und Politik. Nach langen Jahren in der Fabrik nunmehr frei Schaffend, u.a. auch mit Hilfe von Jobs als Bauhelfer, Stagehand, Türsteher, Möbelträger, Layouter oder Fanzineredakteur… Derzeit Redakteur für Politik und Unterhaltung bei www.regioblick.de.


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