Rezension: Sexworker – „ein buntes Puzzle“

Ein Buch rezensieren, das man selbst geschrieben hat? Das geht ja nun gar nicht. Aber was macht man dann? Wir haben uns entschlossen, das neue Buch von Silke Maschinger (u.a.) von einer unserer Autorinnen lesen und rezensieren zu lassen. Das unzensierte Feedback findet ihr jetzt hier:

Das Äußere

Zuallererst fällt mir die „Verpackung“ des Buches auf: Im Kontrast zu dem plakativen Titel in Großbuchstaben wirkt das Cover sinnlich-zart. Eine Frau im hellen, knappen Höschen, das Gesicht in der Armbeuge versteckt, räkelt sich auf einem weißen Laken. Na klar, es geht ja um Frauen. Und um den professionellen Umgang mit Lust. Aber – Lust bei der Arbeit? Geht denn das? Vielleicht wäre ein glücklicher Mann als Titelbild passender? Schon löst die nächste Widersprüchlichkeit spontan eine weitere Irritation aus: Ein englischer Titel für ein deutsches Buch. Ein Buch, das von deutschen Frauen geschrieben wurde. Ist der „denglisch“ gemeint? Das englische Wort für Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter eingedeutscht? Hier werden allerdings ausschließlich Frauen vorgestellt und interviewt. Da hätte ich jetzt – inzwischen eine durchaus gängige Form – „Sexworkerinnen“ erwartet. War dieser Begriff dem Verlag zu umständlich, zu lang?

Das Innere

Schon im Vorwort ist dann ganz klassisch deutsch von „Sexarbeit“ die Rede. Das lässt mich innerlich schmunzeln. Das Autorinnentrio Cornelia Jönsson, Silke Maschinger und Tanja Steinlechner zeigt in ihrem Buch einen Ausschnitt davon, wie vielfältig die Beschäftigung mit „der schönsten Sache der Welt“ sein kann. „Das Leben ist so reichhaltig und in ständiger Veränderung. Und das ist auch gut so“, finden sie. Die Frauen, die zu Wort kommen, beschäftigen sich mit Tantra-Massage, Dominanz und Submission, erotischem Schreiben, Escortservice, Dildos, Sexological Bodywork und vielem mehr. Es sind Frauen aus allen Altersgruppen, die aufzeigen, wie wichtig ihre Arbeit ist. Die Texte haben mal mehr mal weniger Interviewcharakter, sind oft vom Stil her oft „Mischtypen“. So bleibt das Lesen immer abwechslungsreich.

Kapitel eins kommt noch etwas holperig daher, flüssig lesend geht es schon mit dem zweiten weiter, was sehr spannend geschildert ist. Nun hat das Interesse mich gepackt! Das Büchlein ist nicht so sehr dafür geeignet, um es hintereinander weg zu lesen, aber wunderbar, um sich in kleineren Abschnitten mit den einzelnen Portraits zu befassen.

33 Frauen mit ihren Geschichten werden vorgestellt. Selbstbewusste und -bestimmte Frauen. Jede anders und doch alle über die Themen ihrer Arbeit miteinander verbandelt. Nicht jede der Interviewten schafft es, bei mir supersympatisch anzukommen; das wäre ja auch unrealistisch. Dies mag auch daran liegen, das vielleicht nicht alles so dargestellt wurde, wie es gemeint war. Oder die Fragen ungünstig zusammengeschnitten wurden. Aber immer wieder bin ich sogar regelrecht fasziniert und meistens möchte ich am Ende gerne mehr erfahren, hätte noch mehr Fragen, möchte mich direkt mit derjenigen Frau weiter unterhalten! Oft surfe ich stattdessen, wenn angegeben, auf ihren Webseiten weiter. Schade, dass manchmal ein Foto der Interviewten fehlt, komplettierte es das Bild für mich noch mehr.

Nett finde ich es, wenn auch die Interviewerinnen sich mit ihren Emotionen zeigen. Wenn mit einfließt, dass sie nervös sind, mit jemand Fremden über Sexualität zu sprechen. Oder sie ihren Eindruck der Umgebung beschreiben, in der das Gespräch stattfindet. So werde ich mitgenommen in den Dialog. Da kann ich quasi als Mäuschen daneben sitzen und lauschen.

Ein buntes Puzzle

Nach und nach entsteht ein buntes Puzzle; es fehlen durchaus noch einige Stückchen, aber man wagt, das Große und Ganze zu erkennen. Dieses Potpourri kann zuweilen auch zu leichten Verwirrungen führen. Zum Beispiel wunderte ich mich über eine Frau, die Tantra-Massagen anbietet, und sagt: „98 % der Kunden sind Männer und die wollen natürlich am Ende ihre Entspannung haben …“ während eine andere „Erotikmassagen“ gibt, bei denen es ihr aber ganz besonders um die Spiritualität dabei geht. Überhaupt scheinen Massageangebote ein großer Schwerpunkt der Palette zu sein. Ebenso ist die Ausübung einer Domina häufig vertreten. Zum Teil sogar beides in Kombination.

Das ist schon spannend, da gibt es Frauen, die vom Wortlaut her dasselbe anbieten, aber Unterschiedliches oder verschiedene Intensität damit verknüpfen. Wie natürlich auch jede Frau ganz anders ist. Genauso verhält es sich zum Beispiel auch bei den hier im Buch vorgestellten Frauen, die mit den erotischen Bedürfnissen von Behinderten arbeiten. Wäre ich interessiert an einem Termin, würde ich ganz genau hinschauen und fragen, was sich im Detail hinter ihrer Dienstleistung verbirgt. Das scheint auch gar kein Problem, denn alle Frauen gehen klar und offen mit ihren Angeboten und Grenzen um.

Immer wieder lese ich von Abenteuerlust, Lebenshunger und vor allem von zwischenmenschlicher Begegnung. Empathie spielt eine wichtige Rolle, die Befriedigung zu helfen und auch einfach der Spaß an Sex. Gemeinsamer Tenor herrscht bei der Frage zur aktuellen Debatte zum Prostitutionsverbot: „Totaler Quatsch!“ Keine von ihnen will „zwangsgerettet“ werden. Zwangsprostitution dagegen, meinen sie, Menschenhandel und Vergewaltigung gehören dagegen verstärkt verfolgt und bestraft. Gemeinsam stehen sie voll hinter ihrer Tätigkeit bis hin zur Bezeichnung, dass sie ihre Arbeit nicht nur als Beruf, sondern als Berufung sehen. In jedem Falle empfinden sie ihr Wirken als Bereicherung des Erfahrungsschatzes, ganz im positiven Sinne.

Genau so empfinde ich nach dem Lesen des Buches: Mein Erfahrungsreichtum ist um etliche hochinteressante, prächtig starke Frauenbilder gewachsen.

Autorin: Beatrice Adore

sexworker_coverSexworker
Cornelia Jönsson, Silke Maschinger, Tanja Steinlechner
Taschenbuch, 320 Seiten, 9,99 Euro
Schwarzkopf-Schwarzkopf-Verlag

Erhältlich im Buchhandel

 

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